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Mandy Müller und das Recht der Minderheit

Heute vor elf Jahren, am 13. September 2008, verschwand die NienburgerSintiza Mandy Müller aus dem Celler Haus ihres Mannes spurlos. Die verzweifelten Eltern alarmierten die Polizei, die zwei Jahre lang lustlos und hauptsächlich orientiert an Vorurteilen gegen die nationale Minderheit der Sinti, der Mandy angehört, ermittelte. Dann verlief die Polizeiarbeit buchstäblich im Sand der Heide: die Ermittlungsarbeiten wurden eingestellt. Es ging ja nur um eine „abgängige Zigeunerin“ – so steht es in der Polizeiakte und so dachten wohl viele. 
Damit aber wollten sich Mandys Eltern und viele Freunde und Unterstützer nicht zufrieden geben. Es gab Diskussionen, Protest, Leserbriefe. Viele Möglichkeiten, die uns der demokratische Rechtsstaat bietet, wurden ausgeschöpft. Schließlich hatten die Behörden ein Einsehen, die polizeilichen Nachforschungen wurden wieder aufgenommen! Ein mehrköpfiges Ermittlerteam begann die mühevolle Arbeit, alle liegengelassenen Fäden der Ermittlung im „Mordfall Mandy“ zusammenzusuchen und ihnen nachzugehen. Ein schier aussichtsloses Unterfangen nach so vielen vergangenen Jahren. Hätte man damals gleich so akribisch gearbeitet, wäre vermutlich längst aufgeklärt, was mit Mandy geschah, und der Täter seiner gerechten Strafe zugeführt.
Der Fall Mandy Müller lehrt uns etwas. Die Mehrheitsgesellschaft muss lernen, auch die Minderheiten in ihr Verantwortungsbewusstsein für den Mitmenschen einzubeziehen. Sie muss lernen, auch das Recht derer, die anders leben, anders denken und vielleicht anders geartet sind, zu achten und zu vertreten. Es geht nicht nur um die Sicherheit und das Wohlergehen der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger, und die andern bleiben außen vor. Was nützt eine Demokratie ohne Solidarität mit den Schwachen und sozial Benachteiligten? Auch diejenigen, die nichts ins Schema F passen, die Migranten, die Behinderten, die Menschen anderer Hautfarbe, die unehelich Geborenen, die entlassenen Häftlinge, die anders Gläubigen, die mit der anderen Sprache, mit den anderen Überzeugungen, sie alle müssen als gleichberechtigte Partner der Gesellschaft anerkannt werden.
Mandy Müller fragt euch, ihr Bürgerinnen und Bürger dieses Staates: Seid ihr bereit, uns alle, die wir „anders“ sind, gesellschaftlich und menschlich als gleichberechtigte Partnerinnen und Partner anzusehen? Seid ihr bereit, eure Vorurteile auf den Müllhaufen der Geschichte zu werfen und uns als Gleiche unter Gleichen gegenüber zu treten und zu akzeptieren? Seid ihr bereit, unsere Rechte als Minderheiten nicht nur zu respektieren, sondern sie mit uns gemeinsam zu schützen und im Notfall zu verteidigen? Seid ihr bereit, an unserer Seite zu stehen, wenn – wie schon einmal in der deutschen Geschichte! – aufs Neue vernachlässigt, ausgegrenzt, ausgestoßen, unterdrückt, festgesetzt, erfasst, verfolgt und am Ende auch wieder getötet wird?
Der Fall der verschwundenen, wahrscheinlich ermordeten Sintiza Mandy Müller ist noch nicht gelöst. Die Mordkommission hat ihre mühsame Arbeit noch nicht aufgegeben. Aber was immer daraus wird, Mandy Müller wird nicht vergessen. Nicht als Mensch, nicht als junge Frau, die ein Opfer männlicher Gewalt wurde, und nicht als Symbol für eines der höchsten Güter einer humanen Gesellschaft: das Recht der „Anderen“.
 

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Autor

Arbeitskreis Gedenken Stadt Nienburg/Weser
Veröffentlicht: Freitag, 13. September 2019 um 21:57 Uhr

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