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Hirschkäfer in Not: BUND startet neues Projekt

Schutzprojekt nach den schweren Stürmen im Herbst / Winter 2018

Nienburg-Estorf. Einen Naturkundeunterricht der ganz besonderen Art erlebten die Erst- und Zweitklässler der Grundschule in Estorf: Es galt, zwei Kinderstuben für den Hirschkäfer fertig zu stellen.


Es war die Auftaktveranstaltung der Kreisgruppe Nienburg des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) für das neue Hirschkäfer-Projekt. In einem kurzen Input wurden die Schüler und Schülerinnen von dem Ansprechpartner des Projekts, Brechter Boekhoff, über die Hirschkäfer und die Wiederansiedlung mit Hilfe von Brutmeilern informiert. Die Aufgabe an diesem Vormittag war, Eichen-Hackschnitzel zwischen die vorbereiteten Eichenstämme zu verteilen.


Hirschkäferweibchen legen ihre Eier an die Wurzeln von toten oder absterbenden Bäumen oder unter halb im Boden liegende Stammstücke. Es gräbt sich dazu in der Nähe der Brutbäume in den Boden ein und legt die Eier ans Wurzelholz oder an morsche Baumstümpfe. Hirschkäfer benötigen sonnige Standorte möglichst am Südrand eines Eichenbestandes.


Die Larven der Hirschkäfer können sich nur in stark von Pilzen zersetztem Holz entwickeln, sie befallen kein frisches Holz. Die bis 10 cm langen Käferlarven "schroten" das verpilzte, morsche Holz zu Mulm. Hirschkäfer werden deshalb in verschiedenen Gegenden auch Schröter genannt. Das Schroten des Holzes ist Humus bildend, es entwickelt sich nährstoffreicher Waldboden. Weil die Cellulose des Holzes sehr nährstoffarm ist, dauert die Entwicklung bis zum fertigen Käfer fünf bis acht Jahre, bevor sie an lauen Abenden im Mai/Juni als Käfer mit lautem Gebrumm ausfliegen.


Dann suchen sie in lichten, alten Eichenwäldern oder Eichenhainen verletzte Bäume mit Saftfluss an der Rinde. Diesen Baumsaft lecken sie, er ist ihre einzige Nahrung. Dort findet auch die Partnersuche und die Paarung statt. Die Männchen benutzen ihre geweihartig vergrößerten Oberkiefer zum einen, um männliche Konkurrenz im Kampf zu packen und vom Baum zu stoßen und zum anderen bei der Paarung, um die Weibchen festzuhalten.


Hirschkäfer richten in Wäldern, Parks und Gärten keine wirtschaftlichen Schäden an.

Erwachsene Hirschkäfer leben nur wenige Wochen.


Anlass für dieses Projekt ist die intensive öffentliche Diskussion zum massiven Insektenrückgang in den letzten 30 Jahren. Die Diskussion und eigene Beobachtungen bewogen den BUND, im Landkreis Nienburg Maßnahmen zum Schutz und zur Entwicklung bedrohter Insekten-Arten durchzuführen.


Infolge der starken Herbst- und Winterstürme von Oktober 2017 bis Januar 2018, bei denen im Landkreis Nienburg auffällig viele alte Eichen umgestürzt waren, entstand die Idee, den bei der Bevölkerung bekannten Hirschkäfer als "Zielart" des Projektes zu wählen.


"Die Hirschkäferbestände sind europaweit stark eingebrochen und die Art ist deshalb gesetzlich streng geschützt. Es sind dringend geeignete Maßnahmen zu deren Erhalt nötig und sogar gesetzlich vorgeschrieben," stellt Erk Dallmeyer, Insektenexperte der BUND-Kreisgruppe, fest. Und weiter: "Im Landkreis Nienburg liegen aus den letzten Jahren nur 4 Hirschkäfermeldungen vor: in Leese, Brokeloh, Linsburg und Nordel. Hirschkäfer benötigen ältere Eichenbestände zur Nahrungssuche und zur Paarung. Ihre Larven entwickeln sich in faulenden Baumstubben von Eichen, die in der Natur nur noch selten zu finden sind."


Im Landkreis Nienburg hat Karl-Heinz Dose, Förster in Leese, vor etwa 10 Jahren den ersten Versuch zur Förderung der Hirschkäfer gestartet, indem er einen "Brutmeiler" (eine künstliche "Kinderstube") errichtete. Es handelt sich dabei um mehrere Stammstücke (1–1,5 m Länge) alter Eichen, die senkrecht nebeneinander aufgestellt wurden. Im vergangenen Jahr konnte er dort Hirschkäferlarven unter den Stammstücken und einen ausgewachsenen Hirschkäfer nachweisen. Ähnliche Erfahrungen gibt es auch aus anderen Gebieten Deutschlands.


Diese Beobachtung bewog die BUND-Kreisgruppe, ein solches Vorgehen kreisweit zu initiieren, um den Hirschkäferbestand im Landkreis nachhaltig zu fördern. Begünstigt wurde diese Absicht durch die vielen alten, umgestürzten Eichen, sodass die Chance, an alte Eichenstämme für den Bau von Brutmeilern zu kommen, günstig erschien. Die Brutmeiler können über mehr als 20 Jahren hinweg Hirschkäfern und anderen totholzbewohnenden Insekten Lebensraum liefern.


Inzwischen liegen dem BUND 10 Zusagen für Standorte liegen vor, 2 weitere sollen auf BUND-Flächen eingerichtet werden. Geeignetes Eichenholz wurde von Privatleuten, Stadtvertretern und Landesforsten angeboten.

Mit diesem Projekt werden auch andere seltene totholzbewohnende Insektenarten wie z. B. Schnell-, Blatthorn- und Bockkäferarten) indirekt gefördert, weil auch deren Larven Totholz zur Entwicklung benötigen.





Folgende Ziele verfolgt die BUND-Kreisgruppe mit dem Projekt:


1. Die Projektzielart "Hirschkäfer" soll im Landkreis Nienburg gefördert werden.

2. Auch viele andere totholzbewohnende Arten sind vom Aussterben bedroht und sollen durch das Projekt gefördert werden.

3. Durch öffentlichkeitswirksame Maßnahmen soll der nötige Schutz von Insekten ins Bewusstsein der Menschen (Kinder und Erwachsene) im landwirtschaftlich geprägten Landkreis Nienburg gerückt werden.

4. Durch Flyer, Schautafeln und Exkursionen soll auf das Projekt, die Zielart "Hirschkäfer" und die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen für Insekten allgemein aufmerksam gemacht werden.

5. Weitere Vorkommen des Hirschkäfers aber auch anderer Totholzarten sollen über Medienaufrufe und eigene Untersuchungen erfasst werden.

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